BNN, 21.07.07

Dornröschen und die Geburt des Universums
Notizen zur Premiere im Sandkorn: D!e Sp!nner! zeigen "Tickst du richtig? Spiel um Zeit"


Die Zeit läuft. Sandkorn für Sandkorn rieselt sie dahin, aber sie meinen immer noch, sie hätten alle Zeit der Welt. "Ich schmink´ mich noch", gellt es hinter dem Vorhang, von vorne sind nur schwarze Schatten zu sehen, die kopflos hin und her rennen. "Ich geh´ schnell noch aufs Klo", schreit ein anderer, und ein Dritter ruft, dass er sein T-Shirt verkehrt herum an hat und alle auf ihn warten sollen. Fast hätten sie die biblische Entstehung der Welt verpasst. In letzter Sekunde kommen sie, und plötzlich wird die Bühne zu Kreißsaal. Mit lautem Gestöhne und Geächze wird gleich mehrmals geboren: eine Hexe, sogar Adriano Celentano, und das fünfte Kind ist Dornröschen. Allerliebst ist sie anzuschauen in ihrem weißen Kleidchen mit den purpurroten Rosen. Und flugs, ohne Zeitverlust ist man auch schon im Märchen und wartet geduldig auf den mutigen Prinzen, der die rosig schöne Prinzessin nach ihrem 100-jährigen Schlaf erlösen soll. Aber es ist kein heldenhafter Prinz, der auf die Bühne reitet. Schrill kreischend wirbelt eine Computerhexe durch die Szene, leicht erkennbar an ihrem grasgrünen Computergehäuse, dem hexischen Spitzhut und dem glitzernden Zauberstab. Und kaum sind die Kleinen, die gerade das Licht der Welt erblickt haben, in ihr kindliches Märchenspiel vertieft und träumen sich in eine andere Zeit mit tapferen Prinzen und holden Prinzessinnen, Zaubersprüchen und bösen Hexen , ist auch schon ihre Kinderzeit um und sie müssen ernst und vernünftig sein. Die Computerhexe hat sie nämlich in pflichtbewusste Erwachsene verzaubert, da half auch kein noch so flehentliches Bitten und Betteln: Die Zeit läuft.

"D!E SP!NNER!", die integrative Theatergruppe des Sandkorn-Theaters und der Lebenshilfe Karlsruhe, Ettlingen und Umgebung entführte mit ihrem vierten abendfüllendem Programm "Tickst du richtig? -Spiel um Zeit" (Regie Steffi Lackner) auf eine atemberaubende Zeitreise: Da ging es mit doppelter Lichtgeschwindigkeit ins All, das die zwölf Darsteller nur so durchgeschüttelt wurden und nur mit viel Glück und wenig Zeitverlust wieder auf der Bühne landeten. Sie machten einen Abstecher zur Geburt des Universums und spielten die Entstehung von Materie, Raum und Zeit. Sie tanzten einen leuchtenden Planetentanz mit dem Jupiter, dem eisigen Koloss, dem sonnennahen Merkur und Uranus: " Der liegt auf der Seite und dreht sich um sich selbst, wie ein Hähnchen am Spieß." Sie schlugen die Zeit tot, warteten beim Arzt, standen in der langen Schlange an der Supermarktkasse und zeigten den Kreislauf des Lebens. Ein wildes, facettenreiches, witziges Zeitspiel mit lustig aneinander gereihten Zeitgeschichten, die die Zeit vergessen lassen: Lebhaft und ideenreich, bunt, informativ, schillernd und voller Situationskomik. Sicher keine Zeitverschwendung.. (suma)




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